Am Samstag, den 14.11.09 findet in München ein Antifa Actionday statt. Nazis aus dem Spektrum der „Freien Nationalisten München“ (FNM) und der NPD rufen für diesen Tag zu einem so genannten „Heldengedenken“ auf. Nach dem Naziaufmarsch im letzten Jahr, der durch ein massives Aufgebot von Polizist_innen1 durchgesetzt wurde, ist dies der zweite Versuch von Münchner Nazis, einen Aufmarsch anlässlich des so genannten „Volkstrauertages“ durchzuführen. Bei dieser Veranstaltung geht es Ihnen darum, Wehrmachts- und SS-Soldat_innen2 als „Helden“ zu verklären, ihre millionenfachen Verbrechen zu relativieren und damit den Nationalsozialismus offen zu verherrlichen.

Same Procedure As Every Year?

Bereits letztes Jahr kündigten die „Freien Nationalisten München“ in Gestalt von Philipp Hasselbach auf der Abschlusskundgebung an, dass dies nur das Erste von mehreren „Heldengedenken“ sei und meldete prompt beim Kreisverwaltungsreferat (KVR) der Stadt München für die nächsten 10 Jahre einen Aufmarsch anlässlich des „Volkstrauertages“ an. Somit versuchen die Nazis einen jährlich stattfindenen Aufmarsch mit „Eventcharakter“ wie zum Beispiel den so genannten „nationalen Antikriegstag“ in Dortmund, die Trauermärsche zum Jahrestag der Bombardierung von Dresden oder den zentralen Rudolf-Heß-Gedenkmärschen in Wunsiedel, auch in München zu etablieren. Ob ihnen das gelingt, hängt natürlich von ihren „Erfolgen“ beim nächsten Aufmarsch, den antifaschistischen Gegenprotesten und dem Mobilisierungspotenzial der Münchner Naziszene ab.


‚Heldengedenken‘ im letzten Jahr

Die Mobilisierung der Nazis – Wer hasst wen?

Nachdem Hasselbach bereits mit der Ankündigung, das Nazi-“Heldengedenken“ regelmäßig in München zu veranstalten, praktisch die Mobilisierung für dieses Jahr eröffnet hatte, könnte mensch ja davon ausgehen, dass dieses Jahr deutlich mehr Nazis als letztes Jahr kommen sollten, zumal die Münchner Nazigruppierungen bundesweit aktiv sind. Aber die „Freien Nationalisten München“ hatten in letzter Zeit einige interne Probleme.


Philipp Hasselbach beim letzten ‚Heldengedenken‘

Zuerst verloren sie mit Mike Nwaiser einen ihrer aktivsten Führungskader. Nwaiser hatte nämlich via Internet mit einer Aktivistin der Münchner Sektion der „Front deutscher Äpfel“ (FdÄ) Kontakt aufgenommen, mit ihr eine Beziehung begonnen und war von den Kameraden nach dem Weihnachtsfest der Münchner NPD „in flagranti“ (O-Ton) erwischt worden. Mittlerweile haben Nwaiser und die Aktivistin sogar geheiratet, was eine Rückkehr in die aktive Naziszene völlig unmöglich macht, auch wenn Nwaiser immer wieder im Internet betonte, dass sich „an seiner Gesinnung nichts geändert habe“ und sie „Politik und Beziehung voneinander trennen könnten“.


Mike Nwaiser

Die zweiten und zweifelos prominentesten Abgänge sind Markus Manuel und Sabrina Heine. Beide waren im Zuge der polizeilichen Ermittlungen wegen des Attentats auf den Passauer Polizeichef Alois Mannichl zunächst verhaftet, nach einigen Tagen aber wieder auf freien Fuss gesetzt und von den Nazis als „Sündenbock der unfähigen Polizei“ stilisiert worden. Während der Hausdurchsuchung wurden auf dem Rechner der Heines eine nicht unbeträchtliche Menge an Kinder- und Tierpornos gefunden, was Heine zunächst vor seinen Kameraden verheimlichen konnte. Als es aber auf Grund der Funde zu einer Gerichtsverhandlung kam, veranstaltete seine eigene Gruppe eine Fackelmahnwache unter dem Motto „Todesstrafe für Kinderschänder“ direkt vor seinem Haus und geizten gerade im Internet nicht mit Drohungen für ihr ehemaliges Mitglied.


Manuel & Sabrina Heine (neben Philipp Hasselbach)

Ein weiterer Grund für die bisherige Mobilisierungsschwäche ist die Rivalität und Anfeindung innerhalb der Münchner und bayerischen Naziszene. Die Rivalität und Feindschaft von Philipp Hasselbach und Norman Bordin führte, als Bordin noch Mitglied in der NPD war, zunächst zum Austritt Hasselbachs und der Gründung der „Freien Nationalisten München“ als abgeschwächte Form der „Autonomen Nationalisten“. Auf Grund der Ereignisse um die Beerdigung des Alt-Nazis Friedhelm Busse, die darauf folgenden internen Streitereien und der stetigen Annäherung und Kooperation der „Freien Nationalisten München“ mit der NPD/BIA während der bayerischen Kommunalwahlen, trat schließlich Bordin aus der NPD aus und Hasselbach ein. Bordin gründete die „Kameradschaft München“ neu und schloss sich mit fränkischen Nazis um Matthias S. Fischer zum so genannten „Freien Netz Süd“ zusammen. Die „Freien Nationalisten München“ schlossen sich mit anderen Gruppen aus der Region zum so genannten „Freien Widerstand Süd“ zusammen.


Norman Bordin

Die beiden Gruppierungen vermeiden derzeit jegliche Zusammenarbeit, ignorieren die Demonstrationen und sonstigen Veranstaltungen der jeweils Anderen und beschuldigen sich sogar sich gegenseitig diese zu sabotieren. So beschuldigte Bordin Hasselbach zuletzt, den SMS-Verteiler für die „Freies Netz Süd“-Demo am 11.4.09 gehackt und mit falschen Informationen gefüttert zu haben.

Hinzu kommen noch schlechte und sich ständig wiederholende Redner auf den Veranstaltungen (Wudtke, Hasselbach, Appelt usw.), eine Mobilisierungsseite, die nicht mehr erreichbar ist und eine völlig realitätsfremde Einschätzung von Erfolgen seitens der „Freien Nationalisten München“. So werteten die Nazis beispielsweise den Aufmarsch gegen das autonome Zentrum Kafe Marat, bei dem sie von der ersten Sekunde an von Gegendemonstrant_innen und Anwohner_innen massiv angegangen und nur unter enormen Bullenschutz überhaupt zum Zwischenkundgebungsplatz kamen, als „Blumenfeldzug“.

Im Gegensatz zu den letzten Jahren ist es heuer relativ sicher, wo die Nazis laufen werden. Um 12.00 Uhr treffen sich die Nazis am Hauptbahnhof und werden dann von der Polizei zu ihrem Auftaktkundgebungsort am Goetheplatz gebracht. Dort startet dann um 13.00 Uhr die Auftaktkundgebung. Die Route ist bislang fast identisch mit der vom letzten Jahr. Sie geht vom Goetheplatz über die Goethestraße zurück zum Hauptbahnhof, dann über Bayerstraße zum Stachus, von dort via Sonnenstraße zum Sendlinger Tor und dann über den Altstadtring zum Isartor. Der einzige Unterschied besteht darin, dass sie dann noch zum Marienplatz weiter marschieren werden. Sollte es noch Änderungen geben, könnt ihr die als erstes unter actionday.tk erfahren.

Außerdem haben die Nazis auf ihrer jetzt nicht mehr existenten Homepage angekündigt, neben einem „historischen“ Stadtrundgang jeden Tag der Woche vor dem Aufmarsch für eine Mahnwache, Kundgebung oder sonstige „Aktionen“ zu nutzen.

Antifa Actionday

Am selben Tag wird es neben einer bürgerlichen Protestkundgebung auf dem Münchner Marienplatz eine von linksradikalen Gruppen organisierte Demo (Auftaktkundgebung: 14.11.09, 10.30 Uhr, Georg-Freundorfer-Platz [U-Bahnlinie 4/5 Haltestelle Schwanthalerhöhe]) geben. Beide sollen sich dann im Verlauf treffen und gemeinsam in Richtung Nazis gehen. Außerdem gibt es im Vorfeld eine ganze Reihe von Veranstaltungen:

Infoveranstaltungen:

Schon vorbei:

  • 6.10.2009
    Antifa-Café Dachau
    ab 20 Uhr, im Freiraum (Brunngartenstr. 7)

Anstehende Termine:

  • 26.10.2009
    Antifajugend-Café Hamburg
    ab 18 Uhr, in der Klausstr. 10
  • 31.10.2009
    Veranstaltung der Autonomen Antifa Wien
    ab 20 Uhr, im W23 (Wipplingerstraße 23, Wien 10.)
  • 5.11.2009
    Antifa-Café München
    ab 20 Uhr, im Kafe Marat (Thalkirchnerstr. 104/II)
  • 6.11.2009
    Antifa-Café Passau
    ab 15 Uhr, im ZAKK (unterer Sand 3-5)
  • 7.11.2009
    AJA-Infocafé Nürnberg
    ab 18 Uhr, in der Schwarzen Katze (Mittlere Kanalstraße 19)

weitere Termine sind in Planung, Infos immer unter: actionday.tk

Außerdem soll es von antifaschistischer Seite am 8. November einen gemeinsamen Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau geben. Hierzu die Ankündigung des Antifa-Stadtplenums München:

Im Vorfeld des 9. und 14. November wollen wir die KZ-Gedenkstätte in Dachau besuchen. Zwei von der Gedenkstätte ausgebildete RundgangsleiterInnen werden uns über das Gelände führen. Im Anschluß besteht die Möglichkeit, an der jährlichen Gedenkveranstaltung des DGB teilzunehmen.In der Bundesrepublik wird seit 1950 am „Volkstrauertag“ der gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege gedacht: ein Gedenken, das die unzähligen Opfer der NS-Diktatur ausklammert und Täter in Uniformen als Opfer darstellt. Keinen Zweifel kann es geben, dass das Deutsche Reich Verursacher des zweiten Weltkrieges war und dass die Wehrmacht in die nationalsozialistischen Verbrechen tief verstrickt war. Für den 14.11.2009 rufen Nazis aus dem Spektrum der „Freien Nationalisten“ zu einem sogenannten „Heldengedenken“ in München auf. Sie stellen sich damit in die nationalsozialistische Tradition: Der 1926 eingeführte „Volkstrauertag“ wurde 1934 in „Heldengedenktag“ umbenannt. Dies werden wir nicht widerstandslos hinnehmen.

Rundgang: KZ-Gedenkstätte Dachau am 8. November 2009
Treffpunkt: 11:10 Uhr am Hbf, große Anzeigetafel
alternativ: 12:10 Uhr am Besucherzentrum der Gedenkstätte

Am Freitag vor dem Actionday (13.11.2009) gibt es ab 18.00 Uhr ein Convergence Center im Kafe Marat, bei dem mensch die letzten Infos für den Tag bekommt; außerdem gibt es hier für Leute von außerhalb eine Pennplatzbörse. Am Actionday selbst gibt es wieder ab 18.00 Uhr das Convergence Center im Kafe Marat und ab 20.00 Uhr präsentiert die Rootsbar (antifaschistischer Skinheadtresen) ein Konzert mit Sick Sinus (Punk/Dachau) und Feine Sahne Fischfilet (Punk/McPomm)

Infos, Hintergründe und mehr unter: actionday.tk

Vermiesen wir den Nazis gemeinsam diesen Tag!
Für eine klassenlose Gesellschaft!


1 Um symbolisch Raum zu lassen für Menschen, die sich in der bipolaren Geschlechterkonstruktion in „Männer“ und „Frauen“ nicht wiederfinden, verwenden wir durchgängig die Schreibweise mit Unterstrich.

2 Wir schreiben hier bewusst „Soldat_innen“, weil es in Wehrmacht, SS und sonstigen Militäreinheiten auch Frauen gab – freilich zumeist in niedrigeren Dienstgraden. Sie waren nicht nur in der zivilen Unterstützung oder als Arbeiterinnen in der Waffenproduktion und -lieferung tätig, sondern auch als Teil der uniformierten, kämpfenden Truppen aktiv, zum Beispiel als KZ-Aufseherinnen.